Seit der achten Klasse habe ich eine kleine rote Spardose in Form einer englischen Telefonzelle, auf der die Buchstaben TW stehen. Theresa Weltreise. Zu meiner Konfirmation habe ich ein Buch geschenkt bekommen: a 100 places to see before you die, das auf nahezu jeder Seite ein Post-it als Markierung kleben hat. Zu Ostern vor ein paar Jahren habe ich eine Weltkarte geschenkt bekommen, auf der man die Länder frei kratzen kann, in denen man schon mal war. Die hängt an meiner Wand und jahrelang habe ich beim Vokabellernen oder Mathepauken darauf gestarrt, im Fernweh geschwelgt und mich gefragt, wann ich endlich mehr freikratzen kann und wo es mich wohl hin verschlägt.
Seit der achten Klasse fieberte ich darauf, die Schule zu beenden und endlich die Welt zu sehen. Sprachen lernte ich schon immer gerne und hatte großen Spaß daran, einfach mal so Schwedisch zu lernen oder Harry Potter auf Spanisch zu lesen. Ich würde eine Weltreise machen, am besten direkt zwei oder drei Jahre lang. Ich hätte bis dahin, nach der Schule, ja genug Geld angespart. Jeden Kontinent würde ich bereisen und an den Orten, an denen es mir am besten gefällt, würde ich eben ein paar Wochen bleiben und ein bisschen arbeiten.
Dann kam die Oberstufe und ich konnte es noch weniger erwarten, endlich mit dem Lernen fertig zu sein, denn es wurde ja alles immer stressiger. Und plötzlich, ehe ich mich versah, war ich schon mitten in der Abiturvorbereitung. Und während ich natürlich das Ende des ewigen Lernens nicht erwarten konnte, war das Fernweh plötzlich gar nicht mehr so groß. Versteht mich nicht falsch, es stand für mich nie zur Debatte, direkt zu studieren und nicht erstmal ins Ausland zu gehen. Aber trotzdem fühlte ich mich zuhause einfach wohl. Ich habe die beste Familie, die man sich wünschen kann, einen Freund, den ich sehr liebe, Freunde, mit denen ich durch dick und dünn gegangen bin und plötzlich, da das Abitur geschrieben war, hatte ich auch keinen Stress mehr mit Lernen. Dazu kam ein Hauch Nostalgie, da ich insgesamt doch ganz gern in die Schule gegangen bin und vor allem in der Oberstufe sehr gute und nette Lehrer hatte, deren Unterricht ich (manchmal) doch (ein bisschen) vermissen würde. Außerdem hatte ich nun natürlich nichts mehr zu tun, außer meine Freiheit und das süße Nichtstun zu genießen. Ich war dauernd im Urlaub oder mit Freunden unterwegs, auf meinem Abiball und konnte endlich meinen 18. Geburtstag feiern. Ich musste nicht mehr ewig lang im Bus sitzen, der sowieso nur ein Mal pro Stunde kommt, ich konnte Montags abends feiern gehen, wenn ich Lust darauf hatte und Schadenfroh meine Brüder mit dem Auto von der Schule abholen.
Natürlich habe ich währenddessen trotzdem Zukunftspläne geschmiedet. Mal abgesehen davon, dass leider auch meine kleine, rote Telefonzelle eine Weltreise nicht finanzieren konnte, wollte ich länger an einem Ort leben, um eine ganz neue Kultur besser kennenzulernen. Ich hatte die Idee im Hinterkopf, später Englisch und Spanisch zu studieren und wollte mein Schulspanisch verbessern. Südamerika war für mich zu dem Zeitpunkt außerdem der attraktivste Kontinent, den ich unbedingt selbst erkunden wollte. Nach vielem Suchen und verschiedenen Ideen kam ich also schließlich auf das AuPair Programm in Costa Rica und mit Alina plante ich, davor eine Reise durch Zentralamerika zu machen, da sie meine Begeisterung für die Gegend teilte. Aber all das fühlte sich einfach noch nicht so real an.
Die brennende Begeisterung, das Schwelgen im Planen, das Fernweh, kam erst ein paar Wochen vor meinem Flug und war so richtig da, als die Reise durch Zentralamerika begann.
Endlich machte ich das, worauf ich seit der achten Klasse gewartet und gespart hatte: Reisen!
Ich traf auf so viele inspirierende Menschen. Bryan aus Honduras, der sein Hobby zum Beruf gemacht hatte und nun als Tour Guide versucht, Touristen seine Heimat und ganz Zentralamerika näher zu bringen, der kein festes Zuhause hat und praktisch sein ganzes Leben in zwei Rucksäcken mit sich herumträgt, der in jeder Stadt und jedem Land Freunde hat und in seinem Leben schon so viele verschiedene Dinge erlebt und getan hat. Maddie, die grade mal 22 Jahre alt ist, schon erfolgreich gegen eine schwere Krankheit gekämpft hat und seitdem zuhause in Australien immer nur maximal ein halbes Jahr verbringt, in dem sie so viel arbeitet, wie sie kann, um Urlaub und Geld anzusparen. Dann reist sie für ein paar Monate und hat mittlerweile, glaube ich, schon 50 Länder besucht. Beth, die nach dem Studium aus ihrem Zuhause in England ausgewandert ist, zuerst nach Thailand und dann nach China, um Kindern Englisch beizubringen, um eine neue Kultur und Sprache zu lernen, um sich selbst herauszufordern. All diese und noch mehr unglaubliche, starke Persönlichkeiten durfte ich auf meiner Reise kennenlernen. Von ihrem Mut würde ich mir gern eine Scheibe abschneiden und sie sind, jeder in seiner Weise, ein Stück weit mein Vorbild geworden. Sie haben mich inspiriert, immer wieder in Erstaunen versetzt und das Fernweh in mir geweckt.
Und das ist das komische an Fernweh: es ist sehr schwer zu stillen. Je mehr wunderschöne Orte und unglaubliche neue Sachen ich auf meiner Reise sehen durfte, desto mehr wollte ich von der Welt kennenlernen. Je länger ich gereist bin, desto mehr habe ich gemerkt, wie gut mir das Reisen tut und wie entspannt ich wurde. Vielleicht war das auch einfach der Pura-Vida Lifestyle, der langsam auf mich abfärbte, aber ich war viel gelassener und habe wirklich jeden Moment genossen, ohne nur über meine Rückkehr nach Hause (die immer noch nicht geplant ist) nachzudenken. Ich habe einfach gemerkt, wie mich Reisen ein Stück weit zu einem besseren Menschen macht oder zumindest mehr zu dem Mensch, der ich gerne sein möchte. All diese weisen Sprüche über Reisen, die von Reiseagenturen zu Werbezwecken missbraucht werden oder die man dauernd als Instagram Captions liest, sind eben doch wahr. Reisen macht einen wirklich offener, reicher in so vieler Hinsicht. Der Kontakt mit anderen Kulturen, grade solche, die so anders sind als die eigene, lässt einen so viel mehr von der Welt verstehen, so viel toleranter werden.
Natürlich flaut dieses Reise-Hoch auch mal ab, wenn man erstmal einen geregelten Alltag hat oder nicht dauernd spannende Ausflüge macht. Jetzt, wo ich schon längere Zeit in Costa Rica lebe, denke ich mir natürlich manchmal, wie schön es jetzt doch wäre, zuhause zu sein. Manchmal wäre es schön, jetzt studieren zu können, eine eigene Wohnung zu haben, mal wieder Kloß mit Soß zu essen, all meine Freunde wiederzusehen, nicht dauernd in San José im Stau stehen zu müssen, Weihnachten mit meinen Lieben zu feiern, auf Weihnachtsmärkte zu gehen, oder einfach mal eine fette Umarmung von der Mama zu bekommen. Natürlich denke ich das. Grade an Tagen, an denen es mal nicht so gut läuft. Aber ich weiß, dass ich jetzt auch nicht zuhause sein wollte. Zumindest nicht länger als ein paar Tage.
Das ist vielleicht für den ein oder anderen schwer nachzuvollziehen, aber ich brauche diese Zeit hier. Eine Auszeit vom Lernen. Die Zeit, Neues kennenzulernen, mich selbst zu verlieren und wieder zu finden, um es poetisch auszudrücken. Auch in Momenten, in denen ich Heimweh verspüre, weiß ich, dass ich eigentlich nichts verpasse. Ich will hier sein und ich will jetzt hier sein. Ich freue mich unheimlich auf meine Freunde und Familie, Zuhause, aufs Studieren. Aber das alles läuft mir nicht weg. Ich verpasse absolut gar nichts. Nächstes Jahr wird auch wieder Weihnachten sein, nächstes Jahr wird die Universität auch noch stehen und alle meine Lieben werden mich auch nächstes Jahr mit offenen Armen vom Flughafen abholen.
Ich bin jung und habe die Zeit und die Möglichkeiten, ein Gap Year zu machen und möchte diese Chance auch dankend nutzen. Ich bin so dankbar, hier sein zu können und habe noch nicht genug- ganz im Gegenteil. Jede Woche habe ich neue Ideen, was ich noch alles machen und sehen möchte. Wer weiß, wo es mich am Ende hinverschlägt? Ihr werdet es hier auf meinem Blog sicherlich mitbekommen.
Ich habe diesen Post genutzt, um einfach mal meine Gedanken zu sortieren und loszuwerden. Vielleicht hat mich ja der ein oder andere verstehen können oder vielleicht habe ich jetzt auch das Fernweh in euch wecken können. Traut euch einfach mal, raus aus dem Alltag und rein in ein neues Abenteuer zu springen. (Zum Beispiel mich in Costa Rica zu besuchen, hehe)
In diesem Sinne, Pura Vida y hasta luego!
Theresa















































